Unsere Transporte 19 und 20 liegen schon einige Zeit zurück, nun konnten wir im Juni 2026 zwei weitere organisieren und – auf zwei sehr unterschiedlichen Fahrten – in Summe 15 Fahrzeuge in die Ukraine bringen.
Wir hatten ursprünglich einen großen Konvoi mit 10 Fahrzeugen für Juni 2026 angepeilt, aber dann kam alles ganz anders. Zunächst gab es den klassischen Scope-Creep, d.h. unser geplanter Konvoi Umfang wurde durch verschiedene Einflüsse von 10 auf 12 ausgeweitet. Wir möchten immer so viele Fahrzeuge in die Ukraine bringen, wie es irgend geht. Sie werden dringend benötigt, und wenn wir sie beschaffen können, tun wir das, und wenn wir genügend Fahrer und Fahrerinnen finden, dann bringen wir sie eben auch alle ins Land. Diesmal waren wir dann aber mit geplanten 12 Fahrzeugen wirklich am Limit.
Dann erreichten uns drei weitere Fahrzeug-Wünsche, von denen zwei bereits in der Ukraine finanziert waren: Ein dringender VW T5 für eine Einheit, die an unsere Partnerorganisation Lawyers Move herangetreten war, und zwei SUVs für die Einheit, in der ein SAP Kollege dient. Hier hatten Freunde, Angehörige und Kollegen den nötigen Betrag für entweder einen Pickup oder eben zwei SUVs bereits gesammelt, als unser SAP Kollege Anton an uns herantrat. Die Entscheidung für zwei günstige SUVs statt eines teuren Pickups fiel nicht schwer, und sie ließen sich sehr schnell beschaffen. Den VW Transporter hatten wir im Vorfeld – ursprünglich für einen Umbau in ein Evakuierungsfahrzeug – vorzeitig kaufen können.
Die Übergabe an die Einheit war im Westen der Ukraine geplant, und so diskutierten wir im ersten Schritt, ob es möglich wäre, dass Fahrer und Fahrerinnen, die für Pickup4Ukraine nur bis zur polnisch-ukrainischen Grenze fahren möchten, die Fahrzeuge bis nach Polen bringen, um sie dort von Ukrainern abholen und über die Grenze bringen zu lassen. Während die Umsetzung dieser Planung in der Ukraine lief, fanden wir mit Markus, Jürgen, Ingar und Stephan ein Team, das bereit war, die drei Fahrzeuge – wie sonst auch – bis Radymno zu fahren, und dann auch in einem kurzen Sprung über die Grenze in die Ukraine zu bringen, und eben nicht bis Kyiv zu fahren.
Die Vorbereitung des Transports, insbesondere der Exportanforderungen für die drei Fahrzeuge kam dann hier in Speyer bei Michael noch zusätzlich zu dem geplanten großen Konvoi dazu. Auch das Setup mit vier Fahrern auf drei Fahrzeugen war herausfordernd, die Grenzüberquerung mit Zollabfertigung birgt immer Unwägbarkeiten, so entschied sich Annette drei Tage vor Abfahrt, doch mitzufahren, so dass die beiden Fahrzeuge, die die Strecke bis zur ukrainischen Grenze an einem Tag bewältigen wollten, jeweils mit zwei Fahrern besetzt waren. Markus fuhr in zwei Tagesetappen bis Radymno. Unser Mechaniker und Freund Roman hatte uns einen Kontakt in den Westen der Ukraine vermittelt: Taras, ein orthodoxer Pfarrer, der uns ermöglichte, die Fahrzeuge auf dem Gelände einer Hilfsorganisation abzustellen, damit sie später von den Empfängern dort abgeholt werden konnten.
Auf dem 21. Transport, eben einem kurzen Konvoi mit 3 Fahrzeugen und nur fünf Fahrern, lief dann fast alles glatt, was glatt laufen kann.
Mittwoch / Donnerstag, 03. / 04.06.2026
Während Markus mit dem VW T5 schon am Mittwoch in Richtung Polen aufbrach, fuhren Ingar und Jürgen, Stephan und Annette – wie gewohnt in aller Herrgottsfrühe – in der Region mit den beiden Hyundai Terracans los und trafen sich um 04:30 an der Raststätte. Mit zwei Fahrzeugen gab es dann auch wenig Verzögerung beim Rasten, auch wenn wir etwas häufiger tankten als sonst: Die Tankuhr eines der Terracans war defekt, so dass wir „auf Nummer sicher“ gehen wollten. Er hatte auch die Eigenart, bei kleinen Unebenheiten, insbesondere bergab, etwas ins Schaukeln zu geraten, aber mit der Zeit, und nach kurzem Check mit Roman, hatten wir das ebenfalls im Griff.

Wir kamen gut voran, es war in Deutschland und Polen Feiertag, und daher doch etwas weniger Stau auf der Autobahn.

In Radymno trafen wir dann Markus, konnten ein Gruppenfoto aufnehmen und die Zollpapiere beantragen und noch ein gemeinsames Abendessen genießen. Das Wetter war fantastisch, und wir saßen draußen auf der Restaurant-Terrasse.

Freitag / Samstag, 05. / 06. Juni 2026
Am Freitag fuhren wir direkt nach dem Frühstück an die Grenze.
Keine Schlange, alles easy. Der polnische Zollbeamte, der unsere Pässe checkte, war entspannt und sprach sogar Deutsch. Sehr unerwartet, sehr höflich.
Wir hatten keine Beladung an Bord, so dass in Polen und auf der ukrainischen Seite die Abfertigung schnell vonstattenging. Lediglich die Frage, wo und von wem man in der ukrainischen Grenzanlage Stempel auf dem „Talon“ erhalten muss, also auf dem kleinen Papierchen, auf dem die Anzahl der Mitfahrenden vermerkt wird, barg wieder einmal Überraschungen. Es ist ein bisschen wie Pokémon: Man muss je nach Tagesanweisung der Grenzer, drei oder vier Stempel an verschiedenen Stationen sammeln, aber es müssen eben „alle“ für den Tag erforderlichen sein. Diesmal waren nur drei Stempel nötig, und dabei keiner von der Person an der Waage.
Wir erinnerten uns an die Straßenverhältnisse im Februar dieses Jahres, als sogar die gut ausgebauten Überlandstraßen mit Schlaglöchern und anderen Unebenheiten übersät waren. Daher hatten wir ein bisschen Respekt vor der Aussicht, nach den Grenzanlagen über das Hinterland zum vereinbarten Treffpunkt in einer Kleinstadt zu fahren. Aber auch das war letztlich kein Problem. Die Straßen waren asphaltiert, ab und zu begegnete uns ein Auto, oder wir überholten ein Pferdefuhrwerk, und wir brauchten nur eine halbe Stunde in das kleine Städtchen.
Dort erwartete uns Taras mit seinem jüngsten Sohn, der ausgezeichnet Englisch sprach. Wir stellten die Fahrzeuge ab, übergaben Taras die Dokumente, und dann fragte er uns, ob wir vielleicht einen Kaffee oder auch etwas zum Frühstück essen wollten. Wir nahmen das Angebot dankbar an und fuhren mit ihm zu einem Restaurant, in dem bereits eine Art Bankett für den Abend aufgebaut wurde. In einem Nebenraum konnten wir uns zusammensetzen. Das „Frühstück“ hätte aber aus einer Art Gulasch bestanden, und dafür war es uns um halb elf dann doch zu früh. So tranken wir einen Kaffee und genossen Tee beim Gespräch mit Taras und seinem Sohn.
Taras übergab uns zum Dank, stellvertretend für die Empfänger der Fahrzeuge, eine moderne Ikone. Ein Freund von ihm hatte sie gemalt. Er ist aus dem Osten der Ukraine als Binnenflüchtling in die Region um L’viv geflohen, Taras hat ihm eine Unterkunft auf dem Dorf beschafft. Er hat seinen bisherigen Job aufgegeben und malt jetzt Ikonen, die er verkauft, aber eben auch an Einheiten der ukrainischen Streitkräfte verschenkt.
Taras erzählte, dass diese Ikonen als heilsbringend angesehen werden. Unsere ist auf einem Fundstück aus Eichenholz gemalt und wurde von Taras mit Weihwasser gesegnet. Taras berichtete, dass er zu Beginn der Vollinvasion selbst oftmals in den Osten gefahren ist, um den Soldaten Material zu bringen. Jetzt kümmert er sich um seinen pflegebedürftigen Vater und kann daher keine mehrtägigen Volunteering-Aufträge außerhalb der Region übernehmen. Seine Erzählung drückte Bedauern aus. Man spürte, dass er gerne mehr unternehmen würde, um die „Jungs an der Front“ zu unterstützen.
Er erzählte weitere Berichte, die ihm von Soldaten an der Front übermittelt worden waren, so zum Beispiel die Begebenheit mit der Ziege: Einer Gruppe von Kämpfern an der Front lief eine Ziege zu, sie brachten sie in ihrem Unterstand unter und versorgten sie, so gut wie es ging. Wenn die Ziege „draußen“ bei den Soldaten in der Stellung war, hatte sie ein feines Gespür für drohende Angriffe. Die „Jungs“ berichteten, dass die Ziege mehrere Male – noch bevor die Kämpfer selbst das heranfliegende gegnerische Geschoss hörten – in den Unterstand sprang. Auf diese Weise alarmiert, konnten sie sich selbst rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Taras berichtete allerdings auch von einem anderen Soldaten, mit dem er gesprochen hatte. Dieser guckte sich während des Gesprächs, das sie weit weg von der Front geführt hatten, permanent in alle Richtungen – vor allem jedoch nach oben – um, um zu überprüfen, ob irgendwelche Drohnen im Anflug sein könnten. Dies schilderte Taras so gestenreich, dass wir ihn auch ohne die Übersetzung seines Sohnes vollständig verstehen konnten.
Schließlich fuhr uns Taras an die polnische Grenze zurück, und wir bewältigten den Grenzübergang zu Fuß.

Dank unserer EU-Pässe wurden wir an der Schlange der wartenden Ukrainer vorbeigeschleust. Ein Vorortzug brachte uns nach Przemysl, einem kleinen – aber geschichtlich bedeutsamen – Städtchen im Südosten Polens, wo wir noch einige Stunden zubringen konnten, bis unser Nachtzug zurück nach Berlin fuhr.
Der Nachtzug kostete dann einige Nerven. Wir konnten keine Plätze im Liegewagen buchen, sondern nur Sitzplätze in Sechser-Abteilen. Mit 33 Haltestellen allein auf der polnischen Seite kehrte im Zug keine Ruhe ein. Jeder Bahnhof wurde einzeln über die Lautsprecher an der Decke angesagt, immer wieder kamen und gingen Mitreisende.
Zudem war unter den Passagieren ein Paar, welches über-nervös wirkte und immer wieder zwischen zwei Abteilen wechselte, sobald ein Platz für ein paar Stationen frei wurde. Die beiden hatten ihre Tickets erst im Zug gelöst und ließen sich von uns nicht ansprechen. An der Grenze nach Frankfurt/Oder verstanden wir dann den Grund. Sie hatten keine gültigen Papiere, konnten lediglich eine alte Bestätigung vorweisen, dass sie schon einmal in Frankreich gearbeitet hätten, sowie eine Bankkarte von irgendeiner Bank. Den Grenzbeamten genügte dies natürlich nicht. Das Paar verließ ohne jeglichen Widerstand mit den drei Beamten den Zug. Keine Ahnung, was aus den beiden geworden ist. Wenigstens scheinen sie es aber bis Deutschland geschafft zu haben.
In Posen hatte der Zug dann eine Stunde Aufenthalt, weil weitere Wagons, die angehängt werden sollten, verspätet waren. So verpassten wir in Berlin den Anschlusszug und puzzelten uns dann die Weiterfahrt nach Mannheim zusammen.
Dort wurden Stephan und Annette dankenswerterweise abgeholt, und Jürgen und Ingar konnten noch mit der S-Bahn heimfahren. Am frühen Samstagnachmittag waren wir alle wieder zu Hause.
Inzwischen hat der Umbau des VW Transporters zum Evakuierungsfahrzeug in Kyiv begonnen. Die zwei für die Einheit des Kollegen beschafften SUVs sind bei der Einheit angekommen und haben ihren Dienst aufgenommen.






