Unser 23. Konvoi – vieles ist anders


Landkarte mit Air Alert Status in Echtzeit

Nun haben wir unseren 23. Transport erfolgreich hinter uns gebracht – und einiges lief anders als erwartet, man muss sich eben anpassen.

Vorbereitungen

Zunächst zu den Vorbereitungen. Wir hatten geplant, nach unserem großen Juni-Transport nun einen „kleineren“ Konvoi durchzuführen. Er wurde dennoch wieder ziemlich groß.

Dass es bereits in der Vorbereitung anders kam, haben wir Unterstützern zu verdanken, die uns ihre Fahrzeuge als Sachspenden übergaben—aus Überzeugung. So zum Beispiel Dr. H. aus NRW, der einen VW Transporter spendete, sowie die Familie S. aus dem Raum Hamburg, die uns einen Honda Odyssey überließ.

Sieben Fahrzeuge insgesamt muss man auch erst zusammenbekommen, und das geht – neben den Sachspenden – nur mit der Hilfe von unseren Freunden, die ihre Zeit einbringen, um Fahrzeuge zu suchen, zu besichtigen, Probe zu fahren, zu kaufen, zu überführen, und zuzulassen. Insbesondere danken wir an dieser Stelle Christian, Andreas und Oliver für ihren Einsatz und ihre Recherche und schnelle Reaktion!

Da einige Fahrzeuge TÜV und/oder Reparaturen brauchten, war die Hilfe unseres Freundes Roman erforderlich. Roman fuhr zu einigen Besichtigungen mit, identifizierte dort bereits Mängel, und konnte dann die Preise herunterhandeln. Danach half er bei der Abholung und führte die erforderlichen Reparaturen durch: hier Schweißen, dort eine Kupplung ausgetauscht, einen Turbolader repariert und auch noch erfolgreich durch die TÜV Prüfung begleitet—alles auf Freiwilligenbasis ohne Entgelt. Ohne sein wertvolles Fachwissen könnten wir nicht so agieren, wie wir es heute tun.

Wir hatten auch wieder drei Fahrzeuge am Start, die mit Mitteln unserer Schweizer Partnerorganisation 1019.ch finanziert wurden: Zwei VW Transporter für den Umbau zu Evakuierungszwecken und ein weiterer VW T5 für eine Einheit, die uns 1019.ch vermittelt hatte. Aus der Schweiz fuhr bei uns Fabian Wespi mit – wir danken an dieser Stelle Martin Fussen und allen bei 1019.ch für die fortgesetzte vertrauensvolle Zusammenarbeit!

Der typische Packtermin fiel aus – wir müssen nach den üblen Erfahrungen mit unserem 22. Transport jetzt erstmal klären, wie wir in Zukunft Hilfsgüter zuverlässig zollfrei aus Polen heraus exportieren können. Dieses Mal hatten wir daher vorsorglich keine Krankenhausmaterialien an Bord.

Und schließlich ereilte uns kurz vor der Abfahrt noch die Mitteilung aus einer anderen Hilfsorganisation: Unser Kollege berichtete von einer neuen Hürde in der polnischen Zollabwicklung. Nach seiner Beschreibung erhielt man in Polen keine Exportpapiere mehr, ohne vorherige fachgerechte Entsorgung des Kühlmittels aus den Klimaanlagen der PKW. Ungläubig setzten wir alle Hebel, die uns zur Verfügung standen, in Gang: Online-Recherche nach der zitierten EU-Verordnung, Anrufe bei den Zollagenturen, Pläne A, B, B2 usw. Letztlich konnten wir uns aber nicht wirklich dagegen wappnen und fuhren mit einem unguten Gefühl los.

Die Routenplanung für die Hinfahrt war aus dem Grund diesmal für alle Fahrzeuge auf drei Tage gestreckt, und wir entschieden uns wieder für einen kleineren Grenzübergang.

Zwei neue Mitfahrende bereicherten die Gruppe – die übrigen waren „alte Hasen“. In zwei Vorbereitungscalls gingen wir wieder auf die „Ground Rules“, die Fahrzeugzuteilung und – mit einigen Updates – auch auf die Sicherheitslage in der Ukraine, und insbesondere in Kyiv ein. Wir sind nach wie vor froh, dass in unserem Hotel in Kyiv direkt im Keller ein Schutzraum vorhanden ist.

Mittwoch 26. August 2026

Unsere Strecke führte uns am ersten Tag nach einem gesitteten Start um 07:00 von der Heimat nach Katowice in Polen, als Zwischenstation.

Kurz vor Dresden gab es dann unvermittelt eine Sperrung auf der Autobahn und einen langen Stau. Wir vermuteten, dass sich ein Unfall auf der Gegenfahrbahn ereignet hatte. Unsere Seite wurde dann kurz darauf allerdings auch vollständig gesperrt. Kurz darauf erfuhren wir warum: Ein entlaufener Hund irrte auf der Autobahn teils auf der Gegenfahrbahn, teils zwischen Autos auf unserer Seite herum. Die Polizei versuchte vergeblich ihn einzufangen. Nach einer Weile gelang es ihnen wohl, denn die Sperrung wurde aufgehoben.

Die Fahrstrecke war lang, aber zu bewältigen. Letztlich waren wir alle froh, dort bereits anhalten und übernachten zu können, denn die sonst immer donnerstags komplett zu bewältigende Strecke hätte weitere knapp 300km bis kurz vor die polnisch-ukrainische Grenze bedeutet. So konnten wir mit einem kurzen Spaziergang abends noch mexikanische Tacos an einem Foodtruck genießen. Er stand neben einem sowjetischen Denkmal, dessen Fläche inzwischen zu einem Skatepark umfunktioniert worden ist.

Donnerstag, 27. August 2026

Am Donnerstag standen die Strecke bis Lviv und die Grenzüberquerung auf dem Programm. Wir hatten einen Stopp in Radymno bei der bewährten Zollagentur eingeplant. Diesmal allerdings ohne Übernachtung, sondern nur mit einem frühen Mittagessen. Leider dauerte die Prozedur der Dokument-Erstellung knappe drei Stunden. Dazu beitrugen nicht nur Verzögerungen bei der Bearbeitung im Zoll selbst, sondern vor allem der Umstand, dass aus vier von sieben Fahrzeugen das Kühlmittel entfernt werden musste, bevor die Zolldokumente beantragt werden konnten. Die Agentur rief eine Werkstatt auf den Parkplatz, und ein Auto nach dem anderen wurde an die Maschine des Mechanikers zum fachgerechten Entsorgen des Kühlmittels angeschlossen. Wir erhielten pro Fahrzeug eine Bestätigung, die anschließend der Agentur wieder vorgelegt werden musste. Ausschließlich Barzahlung wurde akzeptiert. Sehr ärgerlich.

Wir hatten allerdings genug Zeit und Licht für ein Gruppenfoto.

Die Weiterfahrt Richtung Grenzübergang war dann – abseits der großen Autobahn nach Korczowa – sehr abwechslungsreicht: ein polnisches Dorf nach dem anderen. In Medyka erwartete uns eine Schlange, aber etwas Smalltalk mit den vor uns Wartenden führte dazu, dass wir vorgelassen wurden. Die Grenzüberquerung selbst war problemlos. Zum einen hatten wir keine Krankenhausmaterialien dabei, und zum anderen ist Medyka kleiner, überschaubarer, und vielleicht etwas aufgeschlossener gegenüber Hilfslieferungen in die Ukraine.

Die erste Nacht in der Ukraine bei Lviv verlief ruhig. Vorne an der Rezeption des Hotels stand eine beleuchtete Landkarte, die in Echtzeit den Status der Luftalarme geografisch abbildete.

Ukrainische aktuelle Normalität: Luftalarm Status, visualisiert, neben dem Verkauf von Snacks und Getränken. Nachdem ich zunächst die Erklärung nicht verstanden hatte, wie man in den Luftschutzkeller gelangt, packte in der Hotelrezeption einer der Angestellten, sehr beglückt sein Schuldeutsch aus und übersetzte. Das Radebrechen in beiden Sprach-Richtungen sorgte anschließend für viel Freude. Er wünschte uns am nächsten Morgen eine gute Fahrt und hofft auf ein Wiedersehen.

Freitag, 28. August 2026

Nach dem Frühstück im Hotel brachen wir auf in Richtung Kyiv. Anders als sonst, waren wir – da wir die Grenzüberquerung schon am Vortag bewältigt hatten – gut ausgeruht, und eben früh am Tag unterwegs. Die Straßenverhältnisse waren gut, wie im Juni, und wir kamen im Hellen in Kyiv am Hotel an.

Nach dem Einchecken wollten einige noch schnell vor dem Abendessen duschen, andere gingen direkt in den Keller in den Luftschutzraum, um vorsorglich für die Nacht die Klappbetten aufzubauen. Dort trafen wir dann kurz darauf alle zusammen: Der erste Luftalarm war ausgelöst, und es sollte nicht der letzte an diesem Wochenende bleiben. Auch die Air Alert Situation war diesmal deutlich anders als sonst.

In einer Alarm-Pause gelang uns noch ein Abendessen oben auf der Dachterrasse. Wir trafen unseren Freund Ruslan und auch einen neuen Empfänger, Alexey von der Hilfsorganisation „Dobromitzvah“.

Am späten Abend erreichte uns die besorgte Anfrage von Anna Mikulytska wegen einer großen Detonation in Myla, einem Vorort von Kyiv im Bezirk Bucha. Direkt neben der Autobahn von Zhytomyr nach Kyiv war eine Drohne in ein Lagerhaus eingeschlagen und hatte eine massive Explosion ausgelöst, die auch ein nahegelegenes Seniorenheim betraf. Die Autobahn wurde gesperrt. Wir waren wenige Stunden zuvor dort vorbeigefahren. In der Nacht gab es immer wieder Luftalarm, so dass einige von uns schlicht dauerhaft unten im Schutzraum schliefen.

Samstag, 29. Juni 2026

Heute standen fünf Übergaben auf dem Programm – sie waren alle erst ab 11:00 Uhr morgens geplant, so dass wir ein ruhiges Frühstück genießen konnten. Ruhig – allerdings mit Einschränkungen: Wir erlebten an diesem Wochenende, was die Bewohner von Kyiv schon seit Tagen durchmachten: Ununterbrochen folgte ein Luftalarm auf den nächsten, eine halbe Stunde mit Alarm, zwanzig Minuten ohne, dann wieder Alarm. Es gab zwar keine Ankündigung für Raketen, sondern immer „nur“ von Gruppen von Drohnen, aber typischerweise solchen mit Düsenantrieb, die deutlich schneller und höher fliegen, und daher schwieriger von der Luftabwehr zu zerstören sind.

Auf dem Weg zum Hub konnte man das zerstörte Chernobyl-Museum sehen. Auch die umliegenden Gebäude sind vor einiger Zeit durch einen russischen Angriff stark beschädigt worden. Allerdings finden bereits Arbeiten zum Wiederaufbau statt. Das Museumsgebäude selbst ist eingerüstet, und an dem direkt benachbarten Gebäude sind sämtliche Fenster neu eingesetzt worden. Mitten im Krieg gibt das Hoffnung.

Wir konnten nacheinander unsere Fahrzeuge übergeben. Unter den Empfängern waren die Fallschirmspringereinheit, der wir im Laufe der vergangenen 3,5 Jahre schon mehrere Fahrzeuge überbracht haben. Auch die Einheit des Lehrerehepaars, das wir zuletzt im Januar 2025 in Dnipro getroffen hatten, erhielt ein weiteres Fahrzeug. Olena, die Sanitäterin, hat inzwischen ein drittes Kind zur Welt gebracht und darf Elternzeit machen. Ihr Mann, Volodymyr, wurde deshalb von der Front in eine Einheit versetzt, die näher an der Heimatregion arbeitet, so dass er seine Familie häufiger sehen kann.

Sie brachten etwas Zeit mit, und so konnten wir uns in ein Café setzen. Volodymyr und Olena erzählten von ihrer Arbeit, und Olena berichtete insbesondere, wie schwierig auch gerade die psychische Rehabilitationsarbeit ist. Während wir im Café saßen, ertönte erneut die Warnung vor Luftalarm mit Drohnen. Wir hörten Luftabwehr und eine Explosion. Ursprünglich dachten wir, die Drohne sei zerstört worden, aber draußen auf der Straße konnte man kurz darauf in einiger Entfernung die Entwicklung einer großen Rauchwolke über einem im Norden gelegenen Stadtteil beobachten. Offenbar ein Einschlag.

Auf unserem anschließenden Weg in die Stadt fiel uns auf, wie leer die Straßen und Plätze für einen Samstagvormittag waren. Die Menschen schlafen nachts kaum, und auch tagsüber kündigen die Sirenen ohne Unterlass immer wieder neue Gruppen von Drohnen an.

Nachmittags konnten wir zwei weitere Fahrzeuge übergeben. Eines davon ging an die Einheit, in der Bekannte von Ruslan als Drohnenpiloten arbeiten. Wir saßen mit ihnen eine Weile zusammen: Junge Männer mit einer Begeisterung für Graffiti. Sie erzählten, dass sie – wenn sie eine Pause von der Arbeit mit Drohnen brauchen – im Donbas Graffiti an Wände sprühen und anschließend Bilder von ihren Aktionen auf Instagram posten. Allerdings machten sie keine gemeinsamen Sprayer-Projekte, denn Ihr Stil sei zu unterschiedlich. Vor der Vollinvasion studierte der eine der beiden mit Ruslan zusammen Jura in der Ukraine – ging dann aber, um Chinesisch zu lernen, ein Jahr nach China und studierte dort Business and Economics. Als er zurückkam, hatte die Vollinvasion begonnen, und er meldete sich freiwillig zu den Streitkräften. Der andere junge Mann war ausgebildeter Tänzer und Choreograph. Nach seiner Einschätzung hilft die Körperbeherrschung tatsächlich auch beim Bewegen unter Beschuss. Er erzählte, dass er in seiner Freizeit weiterhin zusammen mit seiner Freundin modernes Ballett tanzt und improvisiert, und zeigte uns davon ebenfalls Instagram-Postings. Die Antwort auf die Frage: „What will you do after the war?“ erschütterte uns: „Mmh, prepare for another war?“ Sie glauben nicht daran, dass es bald einen gerechten und dauerhaften Frieden geben könnte

Abends trafen wir uns mit Nadia und Ruslan von Lawyers’s Move in einem Restaurant, das passenderweise unterirdisch liegt: Dann muss man bei Alarm nicht extra einen separaten Schutzraum aufsuchen. Der Historiker Ihor Zhaloba kam vorbei und erzählte von seinen Reisen nach Deutschland und seinen Vorträgen dort in den vergangenen Monaten.

Auch diese Nacht verbrachten einige von uns wieder dauerhaft im Keller des Hotels. Statt im Hotelbett zu liegen und auf die nächste Sirene zu warten, ist es schlicht einfacher, das Handy auszuschalten, die Alarme zu vergessen und unter der Erde zu schlafen.

Sonntag, 30. August 2026

Am Sonntagmorgen holten uns unsere ukrainischen SAP-Kollegen am Hotel ab. Anna Mikulytska hatte einen Ausflug in ein nachgebautes Kosakendorf mit einer Führung organisiert. Bevor die Führung begann, kamen uns eine Reihe von Besuchern entgegen, alle in feierlichen bestickten Blusen. Sie hatten das Museum besichtigt. Ein paar unterhielten sich kurz mit Anna, insbesondere darüber, was unsere Gruppe als offensichtliche Ausländer in Kyiv täten. Als Anna ihnen erklärte, dass wir immer wieder Fahrzeuge für die Armee bringen, bedankten sie sich wortreich und stimmten schließlich draußen vor dem Eingang des Museums ein mehrstimmiges patriotisches Volkslied für uns an und bedankten sich anschließend nochmal gestenreich. Es war ein sehr bewegendes Erlebnis. Wir tragen nur etwas zur Logistik bei. Wir haben der Ukraine zu danken, dass sie weiterhin uns alle gegen die russische Aggression verteidigt.

Der nächste Luftalarm setzte ein, und der Guide fragte uns, ob wir dennoch das Museum besichtigen wollten. Wir erklärten, dass wir das tun würden, was er auch täte. Und so begann die Führung. Sie war wortreich und unterhaltsam, und nicht alle teils wild zusammenfabulierten Erklärungen und Zusammenhänge wurden von Anna auch übersetzt. Wir erfuhren etwas über die Völkerwanderung, darüber, dass wir letztlich alle zur ukrainischen Familie gehören, und Einzelheiten über Kosakensiedlungen, in denen die Häuser der Krieger trapezförmige Türen haben durften, um zu signalisieren, dass der Hausherr seine Steuern in anderer Form zahlte als der Rest der Bevölkerung.

Zwischendurch konnte man am Himmel ein Flugzeuggeräusch über den tiefhängenden Wolken vernehmen. Kein Flugzeug, dafür war es zu langsam, sondern vermutlich eine jetbetriebene Drohne. Außer Drohnen, Raketen und Luftabwehr ist der Luftraum der Ukraine derzeit leer.

Für unser Abendessen hatte Anna wiederum ein Restaurant reserviert, in dem man unterirdisch sitzen konnte. Wir genossen krimtatarisches Essen, und weitere SAP-Kollegen kamen hinzu. Bei diesen Treffen haben wir in der Tat inzwischen das Gefühl, zu einer Familie zu gehören.

Rückreise

Die Rückreise verlief ohne Zwischenfälle. Just als der Zug Richtung Przemysl abfahren sollte, erklangen am Bahnhof in Kyiv wieder Sirenen, die vor dem nächsten Luftangriff warnten. Der Zug fuhr dennoch auf die Minute genau ab. Über unterschiedliche Wege gelangten die Mitfahrenden dann über Krakau, teils mit dem Flugzeug, teils mit einem weiteren Nachtzug zurück nach Deutschland.

Die Vorbereitungen für den nächsten Konvoi haben begonnen.

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