Transport 20: Vorfrühling in der Ukraine



Knapp vier Jahre nach dem Beginn der Vollinvasion und drei Jahre nach unserer eigenen ersten Fahrt in die Ukraine fand unsere 20. Lieferung unter überraschend frühlingshaften Bedingungen statt. Gerade als die Ukraine aus einem außergewöhnlich harten Winter auftaute, kam Pickup4Ukraine mit acht weiteren Pickups und Kleintransportern direkt auf dem Fuß der vier zuvor gelieferten Fahrzeuge ins Land. Dank der unfassbaren Großzügigkeit unserer Spender und der harten Arbeit unserer Freunde und Unterstützer können wir die Dynamik des vergangenen Jahres aufrechterhalten.

Wir haben Pickup4Ukraine damals begonnen, weil wir die Menschen unterstützen wollten, die ihre und unsere Freiheit verteidigen. Für Grundsätze einstehen und einen Beitrag zu leisten – das ist entscheidend für uns. Was wir nicht wirklich vorhersahen, ist schlichtweg, wie persönlich diese Arbeit werden würde, nicht nur in der Weise, dass sie unseren persönlichen Einsatz erfordert, sondern eher, wie wichtig uns die Menschen, denen wir in der Ukraine begegnen, werden würden, ob es nun Soldaten, Ärzte oder Ehrenamtliche sind. Was als abstraktes Vorhaben begann, wurde persönlich mit einer Tiefe und Intensität, die ich zumindest nicht erwartet hatte. Für alle, die sich auf der deutschen oder auf der ukrainischen Seite einbringen, bleibt dies alles nicht folgenlos. Von einigen dieser Konsequenzen möchte ich in diesem Bericht einen Eindruck vermitteln.

Vorbereitungen

Dank Ihrer großzügigen Unterstützung insbesondere über die Feiertage am vergangenen Jahresende konnten wir direkt damit beginnen, nach einer großen Anzahl von Fahrzeugen zu suchen, um unsere sehr lange Warteliste abzudecken. Zusätzlich half die fortgesetzte Zusammenarbeit mit 1019.ch erlaubte uns, weiterhin Casevacs zu liefern. Gute Neuigkeiten sprechen sich zudem schnell in der Ukraine herum, und Fahrzeuge sind vielleicht das begehrteste Hilfsgut, das Freiwillige ins Land bringen. Wir begannen bereits Mitte Dezember mit der Planung einer Lieferung für Mitte Februar, mit mindestens 10 Pickups und Kleintransportern. Dies wurde – u.a. wegen der Feiertage über den Jahreswechsel – zu einer ziemlichen Herausforderung. Dank der gesammelten Unterstützung unseres Teams schafften wir es. Als sich Konflikte in den Zeitplanungen herausstellten, teilten wir die Lieferung zwei Hälften, und Annette übernahm die erste Fahrt mit vier Fahrzeugen, gefolgt von einem Konvoi mit acht weiteren, den ich übernahm.

Die Fahrt in die Ukraine, Mittwoch – Freitag

Wie bereits auf der 19. Lieferung erprobt, erlaubten wir uns einen zusätzlichen halben Tag für die Fahrt an die ukrainische Grenze. Unsere in den vergangenen Jahren geübte Praxis, die Entfernung von rund 1.300 km an einem Tag zu bewältigen, führte zu einer unerträglich langen Autofahrt und – zumindest für den Autor dieses Berichts – zu zerschlissenen Nerven. Die Aufteilung dieser ersten Etappe in zwei verschaffte uns die Gelassenheit, dass wir bei unvorhergesehenen Ereignissen unterwegs (ein ernstzunehmendes Risiko, wenn man mit Fahrzeugen unterwegs ist, die ca. 20 Jahre alt sind) jederzeit die Fahrt anpassen könnten und die Zeitplanung nicht völlig über den Haufen werfen müssten. Es stellte sich auf der Fahrt dann auch ein Problem mit dem Turbolader eines der VW-Busse heraus, aber dank der Unerschrockenheit von Christian und Dave (und der telefonischen Unterstützung von Roman), warf uns diese Einschränkung nicht zurück. Frank S. stieß unterwegs dazu, und wir erreichten unser Ziel, direkt hinter der deutsch-polnischen Grenze ohne weiteren Zwischenfall.

Unsere Durchquerung Polens am zweiten Tag verlief ebenso glücklich. Von gutem Wetter begleitet und ohne mechanische Pannen erreichten wir unser Ziel bereits mitten am Nachmittag und entschieden, in der gewonnenen Zeit, ein Stück ukrainisches Erbe auf polnischem Grund und Boden zu besichtigen: die griechisch-katholische Kirche in Chotyniec, die zum UNESCO-Weltkulturerbe der Holzkirchen der Karpaten in Polen gehört. Dieses Juwel, das isoliert in einem entlegenen Dorf beheimatet ist, ist nicht wirklich ein Touristenmagnet. Es ist während der Wintermonate geschlossen, so dass wir nur seine Einzigartigkeit von außen bewundern und einen kleinen Blick durch ein Fensterchen im ersten Stock werfen konnten, um uns vorzustellen, was sich im Innern verbarg. Gerade, als wir uns wieder zum Aufbruch entschlossen, fuhr eine Frau mit dem Auto vor, die sich als Gebäudeverwalterin vorstellte. Dorfbewohner hatten sie informiert, als sie unsere Gruppe beim Umherwandern auf dem Kirchengelände beobachteten. Sie öffnete uns freundlicherweise die Kirche, ließ uns im Gebäude umherschauen und erzählte uns einiges. Die Außenansicht verrät wenig darüber, was im Inneren der Kirche zu sehen ist, und so verwandelte sich der mittelmäßig interessante Besuch in eine kleine Offenbarung, die unmittelbar verdeutlichte, warum dieser Ort zum Weltkulturerbe gehört. Eine schimmernde Ikonostase und lebhafte Wandgemälde aus dem 18. Jahrhundert, die das Letzte Gericht darstellen, alle unzweifelhaft in der orthodoxen Tradition, ganz aus einer anderen Welt als die moderne polnische katholische Umgebung. Wir bedankten uns herzlich bei der Verwalterin und nahmen diese Vorschau auf die Ukraine in unseren Gedanken mit. Dann standen wieder geschäftliche Dinge an: Volltanken, im Hotel einchecken, die Exportdokumente erhalten – und natürlich unser traditionelles Abendessen im Dwór Kresowy, unsere regelmäßige Grenzerfahrung.

Der letzte Abschnitt unserer Fahrt ist jetzt der längste und – für mich – der am meisten nervenaufreibende. Egal wie vorausschauend wir planen, es gibt immer das Risiko von Verzögerungen an der Grenze. Im vergangenen Juli hielt eine ausführliche Diskussion mit dem polnischen Zoll unseren Konvoi mehrere Stunden auf; im Dezember führte die zollrechtliche Einordnung eines auf einem Pickup mitgeführten Quad dazu, dass wir den Konvoi aufspalten mussten und bescherte Stefan F. und mir einen zwölfstündigen Aufenthalt im Grenzgebiet, so dass wir nicht direkt nach Kyiv weiterfahren konnten. Wir haben jetzt den Ansatz gewählt, unsere Ladung sorgfältig auszuwählen und sie zumindest teilweise auf die Fahrzeuge zu verteilen, um dem Anschein vorzubeugen, wir hätten signifikante „Fracht“ dabei, die dazu führen kann, dass man an einen Grenzübergang geschickt wird, noch dazu verbunden mit langen Wartezeiten.

Dieses Mal hielt unser Glück an. In weniger als zwei Stunden wurde unsere gesamte Kolonne auf der polnischen und der ukrainischen Seite der Grenze abgefertigt. Nach einer kurzen Pause zum Sammeln ging es weiter nach Kyiv. Die Route führt durch L’viv – ein verkehrstechnischer Albtraum, der unsere Route um mindestens eine Stunde verlängerte. Die zweite Herausforderung, vor der uns auch Annette gewarnt hatte, waren die unzähligen Schlaglöcher, die die extreme Kälte des historisch harten Winters in den Straßen hinterlassen hatte. Die Überlandstraßen, die typischerweise gut befahrbar sind, hatten sich in Hindernis-Parkour verwandelt. Trotz unseres Glücks mit dem Wetter und an der Grenze erreichten wir unser Ziel nicht vor 20:30. Als wir im Hotel ankamen, stellten wir fest, dass im Restaurant keine Speisen mehr serviert wurden. Glücklicherweise kam Ruslan vorbei und fand eine lokale Bar, die zumindest einige Snacks anbot. Anschließend – nachdem wir gerade unsere Zimmer bezogen hatten – erklang die Sirene des Luftalarms und schickte uns in den Schutzraum, wo wir die Faltbetten aufstellten, von denen es nicht wirklich genug gab für unsere große Gruppe von 16 Leuten. Erneut war das Glück auf unserer Seite, und der Alarm war nach zwanzig Minuten vorbei. Wir konnten die restliche Nacht in Frieden in unseren Zimmern verbringen.

Samstag: In Kyiv

Am Samstag hatten wir eine Menge zu erledigen: die Krankenhausmaterialien sichten und verschicken, zwei Fahrzeuge zum Umbau in die Werkstatt bringen, und die Übergabe der übrigen sechs an die Einheiten, die sie nutzen würden. Um dies zu bewältigen, teilten wir uns auf. Dave fuhr mit der kleineren Gruppe zur Werkstatt, wo wir die Möglichkeit hatten zu sehen, wie der Umbau eines VW Bus „von der Stange“ in ein lebensrettendes Evakuierungsfahrzeug von statten geht. Unsere Partner von 1019.ch hatten zwei der überbrachten Fahrzeuge finanziert und setzten damit auch bei dieser Lieferung unsere erfolgreiche Zusammenarbeit fort, die im vergangenen Jahr begonnen hatte. 

Währenddessen traf der Rest unserer Gruppe Maria Zivert bei der Nova Poshta Niederlassung, dem Logistik Dienstleister, der das Rückgrat der ukrainischen Zivilgesellschaft bildet. Maria, die Vorsitzende unserer Partnerorganisation „Ukraine’s Frontline Hospitals“ entschied an Ort und Stelle ad hoc, welche der Krankenhausmaterialien in welche Klinik geschickt werden sollten: Spritzen und Krankenhausmöbel nach Kramatorsk, andere Materialien nach Dnipro oder Mykolaiv. Zusätzlich hatten Roman und Fabian F. einen Satz Reifen für einen ehemaligen Nachbarn Roman’s beschafft, der jetzt an der nördlichen Grenze der Ukraine dient. Nova Poshta bietet die kostenlose Versendung humanitärer Güter an, ein unfassbar großzügiger und patriotischer Beitrag zur ukrainischen Gesellschaft… Und am Montag hatten wir die Bestätigung bereits in unseren Händen, dass die Reifen bei ihrem Empfänger angekommen waren. Ein schlagendes Beispiel dafür, was Leute erreichen können, wenn sie es sich wirklich vornehmen.

Wir planten dann, nach Podil zurückzukehren, mit Maria einen Kaffee zu trinken und eine Stunde bis zur Ankunft der ersten Soldaten zu warten, die ihre Fahrzeuge abholen wollten. Was ich, trotz der inzwischen langen Erfahrung, immer vergesse zu berücksichtigen, sind der Enthusiasmus und die Ungeduld der Jungs am jeweiligen „Tag des neuen Autos“. Oftmals erscheinen sie zur Abholung zu früh, Stunden vor dem vereinbarten Termin. Ein weiterer Faktor ist, dass sie natürlich zurück an ihre Arbeit müssen. Sie werden nach Kyiv mitgenommen oder nehmen den Zug und fahren nach der Übergabe des Fahrzeugs und der Dokumente direkt wieder zurück. Wir hatten noch nicht einmal das Café erreicht, als uns die ersten Empfänger anriefen, sie seien nun schon da.

Zu unserem ersten Empfänger, Mykola, gab es eine persönliche Verbindung: Er war der Nachbar von Yuriy, einem unserer SAP Kollegen in Kyiv. Yuriy hatte uns vor einigen Monaten um Hilfe gebeten, und natürlich stimmten wir zu. Mykola dient in der Küstenverteidigung und hielt eine kleine Rede darüber, wie wichtig die Solidarität der Freunde, insbesondere der Freunde aus dem Ausland, für die Kämpfenden ist, und wie es ihre Entschlossenheit verstärkt, niemals ihre Freiheit aufzugeben. Sogar für mich war dies, trotz meiner Vertrautheit mit der ukrainischen Perspektive, eine bewegende Erfahrung, die nochmal verdeutlichte, was wir mit so etwas Schlichtem, wie einem gebrauchten Fahrzeug, bewirken können.

Wir waren noch beim Kaffeetrinken und im Gespräch mit Mykola, als der nächste Kunde, Serhiy, erschient. Wir haben Serhiy das erste Mal im Jahr 2024 in Kryvyi Rih getroffen, und erneut im vergangenen Jahr. Dieser Kontakt war zufällig entstanden. Annette und ich waren vor zwei Jahren gerade im Hotel in L’viv angekommen, als die Hotelangestellten, die uns von vorherigen Fahrten wieder erkannten, uns ansprachen und fragten, ob wir einem Freund von ihnen helfen könnten. Jetzt brachten wir seiner Brigade der Territorialen Verteidigung schon das vierte Fahrzeug. Serhiy hatte allerdings keine Zeit zum Verweilen, da er am selben Abend schon wieder in Odessa sein musste. Er schenkte uns eine wunderschön von Hand gravierte Munitionshülse, die ich leider nicht mit nach Deutschland nehmen konnte – der Zoll würde sie wohl an sich nehmen.

Ursprünglich hatten wir geplant, zumindest einen weiteren Freund eines anderen SAP Kollegen zu treffen, mit dem wir seit 2024 in Kontakt standen. Valeriy, der im Donbas kämpft, musste jedoch einen Stellvertreter schicken, weil er sich gerade im Krankenhaus von einem Chemiewaffen-Angriff erholte. Über den russischen Einsatz von Chemiewaffen in diesem Krieg ist nicht viel in Zeitungen und Veröffentlichungen zu lesen. Dieses Kriegsverbrechen ruft im Westen nur ein Schulterzucken hervor. Umso wütender machte es mich, dass unser persönliches Treffen gerade durch so einen verbrecherischen Umstand verhindert wurde. Das einzig Gute hieran war, dass wir stattdessen Kyrylo, einen Soldaten aus Valeriy’s Drohnen-Einheit, treffen konnten. Kyrylo spricht ausgezeichnetes Englisch, und er nahm sich die Zeit, unserer Gruppe nicht nur zu erklären, warum Pickups so wichtig für ihre Arbeit ist, sondern auch wie eine Drohnen-Einheit arbeitet. Da er ein paar Tage in Kyiv verbringen durfte, konnte er eine Menge unserer Fragen beantworten und gab uns Einblicke in seinen Alltag an der Front aus erster Hand. Für einen unserer Mitfahrer war das Treffen von besonderer Bedeutung: Frank S., ein pensionierter Berufssoldat der Bundeswehr und Afghanistan-Veteran, hatte seinen VW Amarok Pickup (mit einem großzügigen Rabatt) an Pickup4Ukraine verkauft und – als er hörte, was wir damit vorhatten – beschlossen bei uns mitzumachen, seinen Pickup in die Ukraine zu fahren und persönlich den Soldaten zu übergeben, die ihn nutzen würden. Bei Pickup4Ukraine ging es von Anfang an um persönliche Kontakte – diese Übergabe eines eigenen, jahrelang genutzten Fahrzeugs an einen ukrainischen Soldaten war allerdings ein Novum. Frank S. konnte, mehr als wir alle zusammen, nachvollziehen, was es bedeutet, sein eigenes Leben einzusetzen. Dass er persönlich für die Übergabe die lange Strecke nach Kyiv gefahren war, beeindruckte Kyrylo und die Soldaten, die mit ihm gekommen waren, und sie waren überdies dankbar für einen exzellenten Pickup.

An diesem Samstag gab es noch ein weiteres persönliches Erlebnis zu berichten. Seit 2023 sind wir in Kontakt mit dem Lehrer-Ehepaar Olena und Volodymyr aus der Region Tulchin. Sie und ihre und unsere gemeinsamen Freunde haben uns Einblicke in ihre Erfahrungen an der Front aber in ihr eigentliches Privatleben gewährt. Es hatte sich herumgesprochen, dass ausländische Freiwillige Fahrzeuge beschaffen können, und Volodymyr verwies einen Freund aus einer benachbarten Einheit an uns. Wir konnten ihm einen VW Bus überbringen und unterhielten uns kurz über unseren gemeinsamen Freund, bevor er wieder in den Osten aufbrechen musste.

Inzwischen war es spät am Nachmittag, und nach einem Kaffee und einer kleinen Pause trafen wir Ruslan zum Abendessen in einem Craft Beer Restaurant in Podil. Unsere Arbeit war erledigt, so dass wir nun entspannen und ein wenig Kyiv genießen durften. Ich selbst hatte allerdings noch ein persönliches Vorhaben. Eine Weile schon hatte ich Veronika Melkozerova, die Autorin des Artikels „Ukraine’s War Effort Relies on Old Pickup Trucks“, treffen wollen, den ich letztes Jahr im Magazin Politico gelesen hatte. Veronika schreibt regelmäßig Beiträge über militärische, politische und gesellschaftliche Themen der Ukraine, und vermittelt einen unerschrockenen und scharfzüngigen Blick auf die Erfahrungen und die Einstellungen der Ukrainer in diesem langen Krieg. Das Treffen war gut und insbesondere deshalb bereichernd, weil es für Lena und sie eine Möglichkeit eröffnete, sich „von Reporter zu Reporter“ auszutauschen. 

Sonntag

Es ist zu unserer Tradition geworden, dass unsere Freunde und Kollegen von SAP Ukraine eine Aktivität für uns organisieren und wir uns auf diesem Wege treffen und unterhalten können, und die Ukraine besser kennen lernen. Überdies organisieren sie den Transport zum Bahnhof und nehmen dabei unser Gepäck mit. Nach den langen Fahrttagen auf der Straße und einem hektischen Tag voller Übergaben fühlen wir uns königlich behandelt und freuen uns, unsere Freunde wiederzusehen. Dieses Mal nahmen wir die U-Bahn zum Khreshchatyk, wo uns Anna zum Majdan (und zum bedrückend wachsenden Feld der Fahnen zum Gedenken an die Kriegstoten) führte. Sie zeigte uns unterwegs zum renovierten und kürzlich wieder eröffneten Bessarabischen Markt die historischen und architektonischen Sehenswürdigkeiten. Der Bessarabische Markt ist ein Highlight. Dort wurden früher wie in einem Basar Gewürze, landwirtschaftliche Erzeugnisse, frischer Fisch und Fleisch angeboten. Nach seiner Neueröffnung erweckt er mehr den Eindruck eines „Food Court“, also eines großen Gebäudes mit Gastronomieangeboten – bewusst edel und modern, aber eben nicht mehr mit dem früheren Charme, wie unsere ukrainischen Gastgeber mit leichtem Bedauern feststellten. 

Wir gingen dann in das Kyiver Stadtmuseum weiter, wo wir mit einer weiteren bitteren Realität des Krieges konfrontiert wurden: Der Plünderung und dem Raub von Kulturschätzen in den besetzten ukrainischen Gebieten. Die Austellung „The Return of Memory“ (Rückkehr der Erinnerung) zeigte Reproduktionen von Kunstwerken, die die Russen im Jahr 2022 aus dem Kunstmuseum von Kherson gestohlen hatten, ein Akt des Kulturterrorismus. Der Kurator der Ausstellung, Dmytro Dotsenko, erklärte die Kunstwerke und ihren historischen Kontext, und berichtete uns von dem systematischen Raum der Mehrheit der Stücke der dortigen Sammlung. Die meisten Exponate befinden sich nun auf dem Gebiet der besetzten Krim. Die sorgfältige Dokumentation und Reproduktion der Kunstwerk Sammlung vermitteln mit kühler Präzision das Gefühl von Verlust und den Schmerz eines Verbrechens von unfassbarer Größe. So erschütternd, wie der Raub der Sammlung aus Kherson ist, so ist er nur eines von unzähligen Verbrechen, die nach dem Ende des Krieges aufgearbeitet und für die die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. 

Bei unserem anschließenden Gang durch Kyiv, auf dem Weg zum Abendessen, genossen wir das Tauwetter nach diesem außergewöhnlich kalten Winter und konnten viele Gespräche mit unseren Kollegen führen. Anna Mikulytska übergab uns Holztafeln, die sie zum Andenken an drei Jahre Pickup4Ukraine hatte anfertigen lassen. Wir haben uns von dem schlichten Projekt mit dem Ziel einen Pickup zu kaufen, in eine Organisation weiterentwickelt, die Vollzeit dafür arbeitet, Fahrzeuge für die ukrainische Armee zu finanzieren, zu beschaffen und auszuliefern – 89 Fahrzeuge bisher.

Nach dem Abschied von unseren Freunden stiegen wir in den Zug und hatten eine glücklicherweise ereignislose Fahrt nach Przemyśl, kamen dort am frühen Morgen an und fuhren nach Krakau weiter, wo wir – nach der Weiterreise nach Hause – noch etwas Zeit hatten uns umzusehen.

In diesen drei Jahren ist das, was mir am meisten am Herzen liegt, leider gleichzeitig auch das Schwierigste. Es ist jetzt eine persönliche Angelegenheit geworden. Was mit dem abstrakten Drang begann, das Richtige zu tun, ist zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit geworden. Wir haben in diesen Jahren viele, viele Menschen kennengelernt, seien es ehrenamtliche Helfer, Ärzte, Kollegen oder Soldaten.  Viele sind inzwischen unsere Freunde. Wenn wir von Raketenangriffen auf ukrainische Städte hören, sind es unsere Freunde, die angegriffen werden. Wenn eine Stadt im Donbas zum Schlachtfeld wird, sind unsere Freunde dort. Wenn eine Chat-Nachricht von einem Soldaten, den wir kennen, auf dem Handy eingeht, zögere ich manchmal, sie zu öffnen, aus Angst vor schlechten Neuigkeiten. Doch was könnte eine stärkere Motivation sein, als für unsere Freunde zu arbeiten, zu wissen, dass sie etwas von uns erhalten, das sie dringend brauchen? Nach vier Jahren Krieg sind unsere Freunde müde, aber sie weigern sich aufzugeben. Einer von ihnen, Sasha, sagte dieses Mal, er habe sich noch nie so optimistisch gefühlt. Wenn er so empfindet, können wir das auch. Wir können und werden sie nicht enttäuschen. Der Frühling kam früh nach Kyiv. 

Pickup4Ukraine ist zutiefst dankbar für die Beiträge der vielen Menschen, die unsere Arbeit unterstützen, sowie für diejenigen, die uns finanziell helfen, insbesondere unseren Partnern bei 1019.ch. All dies ist nur möglich, wenn Menschen ihren Worten Taten folgen lassen. Wir danken Kati und Rainer Siebold für ihre anhaltende Unterstützung mit medizinischen Hilfsgütern. Roland C. hat in einem Krankenhaus in Speyer Unterstützung mobilisiert, um weitere medizinische Hilfsgüter zu sammeln. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Andreas P., Dani L., Dave S., Fabian F., Jürgen B., Markus W., Oliver K., Roland C. und insbesondere Roman I. konnten wir unser Ziel erreichen und sogar übertreffen und bis Februar insgesamt zwölf Fahrzeuge kaufen – eine Menge Arbeit. Unsere Freunde und Partner von Lawyers’ Move, Nadia und Ruslan, sowie Anya, Anya und Maria von Ukraine’s Frontline Hospitals sorgten dafür, dass wir reibungslos in die Ukraine einreisen konnten.

Sechzehn Fahrer haben ihre Zeit und ihr Geld investiert, um all dies in die Ukraine zu bringen. Unser aufrichtiger Dank gilt euch allen!

2 thoughts on “Transport 20: Vorfrühling in der Ukraine”

  1. Lieber Leser, ich bin Frank S. – der im Artikel genannte Berufssoldat a.D.
    Ich möchte mich an dieser Stelle beim gesamten PickUp4Ukrain Team für die Möglichkeit bedanken, einen Beitrag für das ukrainische Militär zu leisten.
    Die Bereitschaft meinen VW Amarok zur Verfügung zu stellen viel mir anfangs nicht leicht. Haben meine Familie und ich doch viele schöne Urlaubserlebnisse mit diesem Fahrzeug verbunden. Spätestens während der Übergabe des PickUpś vor Ort und der Information über die weitere Nutzung durch die Einheit war aber klar, dass dies die Richtige Entscheidung war.
    Sollte also jemand gerade einen PickUp zum Verkauf angeboten haben, wäre jetzt der Zeitpunkt zu überlegen ob eine („was ist letzte“) Preisverhandlung im Gebrauchtwagenmarkt oder die Bereitstellung für das ukrainische Militär in Frage kommt. Hier wird Leben gerettet.
    Nach den Schilderungen der Frontsoldaten steht für mich die weitere Unterstützung des Vereins fest.
    Auf Bald, der Franki

    1. Lieber Frank, es freut mich außerordentlich, dass Du Dich hier meldest und Deine Reaktion schilderst. Es war persönlich gesprochen auch für mich und für uns etwas Besonderes, dass Du mitfahren und die Übergabe machen konntest, von Mensch zu Mensch. Wie im Artikel beschrieben kannst Du besser als wir alle beurteilen, was die Hilfe für die Front bedeutet. Danke für Deinen Beitrag und immer wieder gern. Viele Grüße, Michael

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