Was für eine surreale Woche liegt da hinter mir. Sechs Tage Konvoi nach Kyiv, Fahrzeugübergaben und Rückkehr mit Zug und Flugzeug, dann vier Tage im Büro arbeiten, und jetzt auf dem Weg nach Hawaii zur alljährlichen Firmenfeier der Feldorganisation. Ich schätze mich unfassbar glücklich, nominiert worden zu sein – das ist für Mitarbeiter außerhalb der Vertriebsorganisation wirklich selten – und zugleich ist mir nicht nach feiern zumute. Ein Lied von Midnight Oil aus meiner Jugend kommt mir immer wieder in den Sinn. Ein Teil des Refrains lautet: „How can we dance while our earth is turning? how do we sleep, while our beds are burning?“ Ich erinnere mich an das, was mir meine SAP Kollegin Alena in Kyiv sagte: „Man muss auch feiern. Man muss es sich gut gehen lassen. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und – wenn es geht – zwei bis drei Mal die Woche ins Theater“. Ich beginne, aus meiner Erinnerung den Bericht über unseren 19. Transport nach Kyiv zu schreiben.
Vorbereitungen
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Bereits im Dezember, direkt nach unserer 18. Fahrt, schauen wir uns unsere Warteliste und zugleich unser Spendenbudget an und beginnen mit der Suche geeigneter Fahrzeuge im direkten Kontakt mit den Einheiten. Auch 1019.ch beteiligt sich wieder mit Funding für Evakuierungsfahrzeuge. Dank der Mithilfe unserer inzwischen eingerichteten Gruppe für Autosucher haben wir schnell einige Fahrzeuge zusammen, und unser Freund Roman hat in seiner Werkstatt bald alle Hände voll zu tun, um Autos zu checken und teilweise noch in Stand zu setzen.
Wir peilen Ende Februar einen großen Transport mit mindestens 10 Fahrzeugen an, und Ende Januar stellt sich heraus, dass wir sogar 12 organisieren könnten. Auch Zusagen von Fahrern haben wir bereits. Dann kommen bei mir jedoch berufliche Termine dazwischen, eben just diese Einladung nach Hawaii und Workshops. Nach einigem Abwägen und Diskutieren entscheiden wir, den Konvoi aufzuteilen. Ich schlage unserer Gruppe der Mitfahrer statt des geplanten Termins Ende Februar zwei Termine mit jeweils einer Teilgruppe von Fahrzeugen vor. Den 19. Transport ab dem 11. Februar übernehme ich mit vier Fahrzeugen (einem VW T5, einem KIA Sorento, einem Ford Ranger und einem Mitsubishi L200), und den 20. Transport zwei Wochen später übernimmt Michael mit nochmal acht Fahrzeugen. Wir haben Glück, und es finden sich exakt die jeweiligen Anzahlen von Fahrern zusammen, um jedes Fahrzeug bis Kyiv mit zwei Leuten besetzen zu können. Bei den insgesamt 24 Fahrern für die in Summe 12 Fahrzeuge sind viele alte Hasen aber auch einige neue Gesichter dabei. Für Transport 19 melden sich Malte, Jürgen, Martin und Niklas aus der Schweiz, und Heiko, Stefan und Stephan, die das erste Mal mitfahren. Vorbereitungscalls werden aufgesetzt, und in den verbleibenden Tagen bis zur Abfahrt gibt es dann viel Logistik. Stefan spendet u.a. einen kleinen Generator, einen Rollator und Krücken vorbei, Dani kommt mit einem Rollstuhl und weiteren Gehhilfen, einem gefüllten Rettungsrucksack, sowie Nüssen und Fußwärmern vorbei. Michael kann von Roland in Speyer noch eine große Anzahl Spritzen erhalten, die uns von einem Speyerer Krankenhaus gespendet worden sind. Einen Teil verladen wir in den VW T5. Die Autos werden nacheinander zur Werkstatt gebracht, wieder abgeholt, für die Ausfuhr zugelassen, und auf die Fahrer verteilt. Schließlich treffen wir uns zum Beladungstermin in Walldorf und laden sortiertes Krankenhausmaterial und Kartons voller Heizkerzen in den VW Bus und in die Pickups. Dann kommt der Tag der Abfahrt. Anders als bisher haben wir beschlossen, dass wir angesichts der immer noch winterlichen Straßenverhältnisse und Witterung den ersten Schlag auf zwei Etappen aufteilen. So starten wir nicht am Donnerstag in alle Frühe, sondern schon am Mittwochmittag mit dem Ziel einer 6-7 stündigen Fahrt nur bis zur polnischen Grenze.
Mittwoch, 11. Februar
Wir fahren um 13:30 von der Raststätte Kraichgau Süd los, es gibt viel Regen, aber eben auch Tageslicht und ausgeschlafene Fahrer. Ein deutlicher Unterschied zu sonst! Ein Fahrzeug lässt sich plötzlich nicht starten, aber ein zufällig anwesender ADAC Helfer kann den Schlüssel in dem abgenutzten Zündschluss in Position bringen. Auch später im Laufe der Fahrt tauchen einige Hickups auf – aber auch das ist ein Vorteil bei kurzen Etappen – wir können in aller Ruhe mögliche Ursachen mit Roman klären und uns anpassen. Kurz hinter der polnischen Grenze steuern wir erst die Tankstelle und dann direkt das Hotel an, in dem wir die Nacht verbringen würden. Leckeres Abendessen, und dann eine ruhige Nacht.
Donnerstag, 12. Februar
Direkt morgens kann ich noch die ukrainischen Zolldokumente von Lawyers Move drucken (es hat eine Panne im System gegeben, so dass wir sie erst auf den letzten Drücker erhalten haben). Nach einem entspannten Frühstück brechen wir dann in Richtung der ukrainischen Grenze auf. Wenn ich am Autobahnrand die ersten Schilder mit dem Eintrag „Korczowa“ sehe, die die Entfernung zum Grenzübergang anzeigen, wird mir wie immer warm ums Herz. Die Fahrt durch Südpolen ist ereignislos, mit sonnigem milden Wetter und ohne Berufsverkehr – wir sind schlicht zur richtigen Tageszeit in der Region Krakau. Je weiter wir ins Land fahren, desto mehr sehen wir die Reste des strengen Winters, der nicht nur Regionen in der Ukraine, sondern auch Südostpolen die vergangenen Wochen fest im Griff hatte. Viel Schnee, jetzt bei 12 Grad natürlich nass und schmelzend.
Wir kommen gut voran, und so beschließen wir, vor der Zollagentur in Radymno noch die griechisch-katholische Holzkirche in Chotyniec zu besichtigen, die Michael mir bei unserer zweiten Fahrt – vor rund 3 Jahren – das erste Mal zeigte. Ein rundlicher, mit Holzschindeln eingedeckter Bau aus dem 17. Jahrhundert, mit niedrigen Räumen, kleinen Fenstern und – in der milden, von tauendem Schnee feuchten Luft – einem intensiven Duft nach Holz.
In den letzten Sonnenstrahlen machen wir abends noch das Gruppenfoto, dann laufe ich zur Zollagentur und beantrage die Ausfuhrpapiere. Ein bisschen mulmig ist mir. Das war bisher Michael’s Aufgabe. Ich kann kein Polnisch. Ein paar Sätze habe ich mir auf DeepL zurechtgelegt und die Aussprache geübt. Aber es ist keine längere Erklärung nötig. Sie finden unsere Organisation in ihrem System, und alles wird prozessiert.

Draußen auf dem Parkplatz stößt ein Mann mit seinem Auto zu uns und fragt, ob wir in die Ukraine fahren. Er hätte isotonische Getränke für die Leute an der Front dabei, ob wir sie mitnehmen könnten. Ich lehne dankend unter Hinweis auf den Zoll ab – aber eigentlich geht es uns darum, dass wir nicht von irgendwelchen Unbekannten Dinge oder Nahrungsmittel mitnehmen. You never know.
Wir checken im Hotel ein, die Dokumente sind 1.5h später fertig, das Abendessen wie immer lecker, alles prima. Nun haben wir die Etappe, die wir sonst mit 15h an einem Tag bewältigen, locker auf 1.5 Tage verteilt hinter uns gebracht. Die eigentliche Herausforderung steht uns am Freitag mit der Grenzüberquerung und der Fahrt bis Kyiv bevor.
Freitag, 13. Februar
Wir brechen bereits um 0700 zur Grenze auf. Alles bestens, keine Schlange. Ein niederländischer Kleinbus wird von den polnischen Zöllnern priorisiert, weil er wohl zu einer Gruppe von Rot-Kreuz-Fahrzeugen gehört. Es gibt jedoch Schwierigkeiten mit seinen Dokumenten, so dass wir irgendwann vorgelassen und überraschend schnell und unproblematisch abgefertigt werden. Wir fahren auf die ukrainische Seite und erhalten als erstes unsere „Talons“, die kleinen Laufzettel, auf denen man Stempel sammeln muss. Bisher waren das immer drei pro Zettel: Einen vor der Kontrolle, einen bei der Passkontrolle und einen dann beim Zoll. Wir bringen also die Passkontrolle hinter uns, haben bereits zwei Stempel, parken die Fahrzeuge zwischen den LKW-Schlangen und machen uns auf den Weg in den Keller zum Zoll.
Surprise. Ein weiterer Stempel ist nötig. Von „einem Mann in schwarzer Uniform, dem anti-smuggling Beamten“. Wir gehen wieder nach oben an die frische Luft und beginnen, unter dem Dach der Grenzabfertigung nach einem Mann Ausschau zu halten, auf den die Beschreibung zutrifft. Die Stempel-Sammlerei erinnert mich ein bisschen an Pokemon Go – you gotta catch them all. Wir sprechen einen schwarz uniformierten Mann mit Hund an der Leine an, er verweist uns aber an „das letzte Häuschen“. Wir haben Glück, der Zöllner aus dem letzten Häuschen unter dem Dach erklärt sich bereit, läuft mit uns zu den Fahrzeugen, schaut nacheinander in alle hinein, lässt sich den Inhalt erklären, und kritzelt dann sein Kürzel auf die Rückseite des Talon. – Moment: kein Stempel? Wird schon seine Richtigkeit haben. Mit vier abgezeichneten Zetteln kehren wir wieder in den Zollkeller zurück und werden dann nacheinander abgefertigt. Alles gut. In Summe haben wir vielleicht anderthalb Stunden gebraucht. Glück gehabt – und das am Freitag, den 13.
Wir fahren in Richtung L’viv und stellen fest, dass der Straßenbelag massiv unter dem strengen Frost gelitten hat. Jetzt regnet es, aber die Temperaturen sinken bereits wieder. Wir haben den Eindruck, es gibt viel mehr Schlaglöcher als in den bisherigen Jahren. Vorsichtiges Fahren ist angesagt. Nach L’viv legen wir eine kurze Rast ein, bei der alle vier Fahrzeuge wieder zusammenfinden, und wir fahren weiter Richtung Rivne. Plötzlich ist das GPS Signal verschwunden. Google Maps versucht, uns zu positionieren, aber vergeblich. Im Signal-Chat wird auf den aktuellen Luftalarm in der Region Rivne hingewiesen, das GPS wird von der Ukraine gestört, um den russischen Drohnen die Zielfindung zu erschweren. Ich verpasse die Ausfahrt auf die Umgehung südlich von Rivne, merke es rechtzeitig, wende zwei Mal und bin wieder auf der korrekten Route. Dabei verliere ich jedoch die drei folgenden Fahrzeuge, die stattdessen durch Rivne Stadt weiterfahren. Auch ohne online-Navigation kommen wir zurecht. Auf kahlen Feldkuppen sehen wir neben der Autobahn rund um Rivne Pickups mit auf der Ladefläche montierten, wegen des Nieselregens jedoch noch abgedeckten Maschinengewehren zur Luftabwehr. Vom eigentlichen Angriff bekommen wir nichts mit, und nach Rivne treffen wir uns wieder bei der nächsten Raststätte. Weiter geht’s über Zhytomyr nach Kyiv. Die Straßen sind geräumt, es sind wenig Autos und LKW unterwegs. Die Landschaft ist mit einer durchgehenden Schneedecke komplett weiß. Wir erreichen im Dunklen den Stadtrand von Kyiv. Der Verkehr wird ein wenig dichter, der Fahrstil der anderen Autos etwas chaotischer.
Es gibt wieder Luftalarm, und wir navigieren mit statischer Landkarte auf dem Handy. Brücken- und Kreuzungen zählen geht schief, und so fahren wir durch die Innenstadt über den Khreschtschatik. Der Feierabendverkehr ist weniger dicht. Viele Leute haben wegen des Ausfalls der Energieversorgung die Stadt verlassen und leben außerhalb bei Freunden, Verwandten oder in ihren Sommerhäuschen.
Abends gegen halb neun kommen wir an, Ruslan ist am Hub, unserem Treffpunkt, und freut sich uns zu sehen. Wir parken die Fahrzeuge und laufen zum Hotel. Wir checken ein, und der junge Mann am Empfang erklärt, dass sie im Hotel dank zweier Generatoren durchgängig Strom von 0800 bis 2300 Uhr haben, und typischerweise auch Heizung und warmes Wasser – welch ein Luxus. Selbst nachts gibt es teilweise Licht. Wir sind froh, denn das ist in Kyiv derzeit nicht selbstverständlich. Unsere SAP Kollegen haben uns berichtet, dass sie in ihren Apartments mitunter seit Wochen keine Heizung mehr haben, sie hoffen, dass die Temperatur in den Räumen nicht unter 6 Grad fällt. Strom gibt es ein bis zwei Stunden am Tag. Fließendes Wasser reicht aufgrund des geringen Leitungsdrucks in den Gebäuden nur bis zum 10. Stock, und man behilft sich damit, im Fitness-Studio zu duschen, und Trinkwasser im Supermarkt zu holen und immer dann die Sixpacks in die Wohnung hoch zu bringen, wenn der Aufzug gerade in Betrieb ist. Wir gönnen uns noch ein leckeres Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant und hoffen auf eine ruhige Nacht in den Hotelbetten. Aber leider gibt es kurz nach unserer Rückkehr ins Hotel direkt Luftalarm, einschließlich angekündigter Raketen und Drohnen. Wir treffen uns alle im Schutzraum im Keller. Einige von uns setzen sich erstmal und warten ab. Andere beschließen, die Nacht dort zu verbringen und richten sich mit Schlafsack auf dem Feldbett ein. Der Alarm ist gegen halb eins vorbei, ich kriege es nicht mit und schlafe durch bis zum frühen Morgen, dann hole ich noch etwas Schlaf oben im Hotelzimmer nach.
Samstag, 14. Februar
Am nächsten Morgen frühstücken wir gemeinsam – das Hotel ist auf Valentinstag eingestellt. Lauter Zweiertischchen mit Blümchen.

Wir stellen ein paar nebeneinander, um als Gruppe zusammen zu sitzen. Anschließend laufen wir zum Hub und übergeben ein paar Pakete für eine Hilfsorganisation, zu der eine unserer Sängerinnen Kontakt hat. Dann fahren wir zu Nova Poshta weiter. Wir entladen die Krankenhaus-Materialien, und Niklas und Martin fahren im VW Bus mit Ruslan zur Werkstatt von Bobrik Motor. Der VW T5 wird zu einem Evakuierungsfahrzeug umgebaut, und die beiden können vor Ort mit den Mechanikern sprechen. Sie erfahren, dass die Lebensdauer der sog. „Casevacs“ (Casualty Evacuation Vehicles“ zwar oft begrenzt ist, denn sie werden gezielt von russischen Drohnen angegriffen, aber jedes Fahrzeug rettet im Schnitt 70 Menschen das Leben. Wir sind sehr froh, dass wir dazu mit unseren Fahrzeugen einen Beitrag leisten können – mit inzwischen über zwanzig von uns beschafften Casevacs ist das eine signifikante Menge. Auf dem Rückweg können Niklas und Martin mit Ruslan den VW T5 nach Kyiv zurückbringen, den wir im vergangenen Sommer zunächst nach L’viv gefahren hatten. Er wurde dort in den vergangenen Monaten teilweise mit Stahl, aber auch teilweise mit leichtem Material gepanzert und jetzt in Kyiv zu Ende umgebaut.
Die übrigen Fahrer und ich bleiben bei Nova Poshta und treffen dort Mariia und Anja von Ukraine’s Frontline Hospitals. Sie nehmen die Pakete und Säcke entgegen und bringen sie auf den Weg zu den Krankenhäusern, u.a. in Kramatorsk. Anschließend fahren wir zurück zum Hub. Dort warten bereits die Empfänger für die beiden Pickups: Ein Kommandeur der 14. Separaten Mechanisierten Brigade „Sapsan“ nimmt sehr sachlich den Ford Ranger entgegen und lässt sich kurz die kleinen Macken erklären. Sie sind in Eile und fahren direkt nach der Übergabe des Fahrzeugs und der Dokumente – im Tausch gegen eine Fahne und Patches wieder davon. Sie müssen zurück zur Arbeit. Für die 30. Separate Mechanisierte Brigade ist ebenfalls ein Vertreter erschienen, der gerne mit uns noch Fotos von der Übergabe macht, jedoch das Auto nicht fahren kann. Er wartet auf einen Kollegen. Es regnet, und wir unterhalten uns ein bisschen. Dann wird absehbar, dass sich der Kollege deutlich verspäten würde, und so brechen wir erstmal wieder zum Hotel auf. Kaum angekommen erhalten wir die Nachricht, dass der Kollege erschienen ist, ich renne zum Hub zurück, wir fahren im Pickup zum Hotel, und sie erhalten die Erlaubnis mit uns noch einen Kaffee im Hotel zu trinken. Nadia von unserer Partnerorganisation Lawyers‘ Move stößt dazu und kann ein bisschen übersetzen. Sie „arbeiten“ im Südosten, sind beide Mitte-Ende zwanzig, und keine Berufssoldaten. Einer war Ingenieur, der andere Logistiker. Der eine, der etwas zu spät kam, hat in Kyiv Frau und Kind. Er konnte sie kurz treffen und wird ein bisschen still, nachdem er das erzählt hat. Kurz darauf brechen auch sie zurück zur Front auf. Die Arbeit dort wartet.
Martin, Niklas und Ruslan kehren von der Werkstatt zurück und haben den gepanzerten VW Bus dabei. Wir gehen vor die Tür und Ruslan erklärt uns nochmal die Besonderheiten. Der gepanzerte VW Bus ist ein Prototyp. Die Panzerung ist leicht genug, so dass der 2.8l Motor des Kleintransporters noch für ausreichende Beschleunigung und gutes Fahrverhalten sorgt. Sie ist dazu gedacht, bei einem möglichen Drohnenangriff, oder auch im Fall, dass das Fahrzeug auf eine Mine fährt, die Insassen zu schützen. Die Zerstörung des Fahrzeugs wird in Kauf genommen. Die Beschaffung plus Panzerung war teuer – aber nicht so teuer wie der Erwerb ein neuen, von vornherein gepanzerten Fahrzeugs. Der Betrag für die Durchführung des Umbaus lag dann aber doch deutlich außerhalb des Rahmens, den Lawyers‘ Move sonst finanziert. Ruslan erklärt uns dazu die Berechnungen, einschließlich des angenommenen Wertes eines jeden Menschenlebens, das dieses Fahrzeug retten kann. Buchhaltung zu Kriegszwecken. Nach ein paar Fotos fährt Ruslan los und bringt den VW T5 nochmal zum Reifenwechsel, bevor er den Empfängern übergeben wird.
Den KIA können wir am Samstag nicht übergeben, denn die Empfängerin Iryna verspätet sich. Sie fährt nicht direkt von der Front nach Kyiv, sondern macht noch logistische Abstecher, die sie Zeit kosten. Nadia übergibt ihn dann Sonntagnachmittag.
Wir haben machen uns auf den Weg hoch in die Stadt und kaufen als erstes bei L’viv Handmade Chocolates noch Mitbringsel für Daheim. Die Straßen sind geräumt, die Gehwege zumindest mit Split und Sand bestreut. Manche Abschnitte der Bürgersteige sind mit rotweißen Bändern abgesperrt. Dort fallen von den Dächern im Tauwetter immer wieder Eisplatten herab. Wir laufen hoch zur St. Andreas Kirche, weiter auf den Sophienplatz und schließlich auf den Platz vor dem Michaelskloster, auf dem – seit kurz nach Beginn der Vollinvasion – zerstörte Fahrzeuge stehen. Auch die Ausstellung, die Bilder von der Zerstörung Mariupols mit der Situation von Warschau im zweiten Weltkrieg vergleicht, ist noch zu sehen. Unser Weg führt uns weiter zur Glasbrücke und zum Denkmal der Völkerfreundschaft. Wir blicken hinunter auf den Dnipro. Hier fließt er. An anderen Stellen ist er zugefroren. Direkt neben der Brücke ist eine eindrückliche Installation: Ein Stück Straße mit Drohnenschutznetzen ist nachgebaut, so dass man einen Eindruck bekommt, wie derzeit im Süden in Städten wie Kherson die Logistik, aber eben auch die Zivilbevölkerung vor russischen Kamikazedrohnen geschützt werden. Weiter geht’s zum Maidan Nezaleshnosti. Das Fahnenfeld ist zugeschneit. Zum Teil schauen die kleinen blau-gelben Fähnchen kaum noch aus dem Schnee heraus.
Wir laufen zum Rathaus und bewundern die neueste Briefmarke, die vor dem Gebäude ausgestellt ist. Sie steht unter der Überschrift: „Das Licht des Sieges überwindet die Finsternis“ und ist denjenigen gewidmet, die nach russischen Angriffen auf die Energie-Infrastruktur immer wieder reparieren und instandsetzen.

Dann trennen sich unsere Wege: Martin und Niklas machen sich schon auf den Weg zum Bahnhof, Heiko, Jürgen, Stefan, Stephan und ich trinken noch einen Kaffee im Sense Buchcafe. Das Cafe ist gut besucht. Wir warten eine Weile auf einen freien Tisch. Ich denke an Alena und Ihr Bedürfnis, gezielt erfreuliche Dinge zu tun, um den alltäglichen Horror besser verarbeiten zu können.
Dann bricht auch Heiko zum Bahnhof auf, und wir kehren zurück zum Hotel. Malte verbringt den Nachmittag und Abend mit Freunden in Kyiv. Wir treffen uns abends mit Nadia und Ruslan in einer Szenekneipe mit hunderten Biersorten. Es ist laut, aber angesagt. Spät am Abend kehren wir ins Hotel zurück. Diese Nacht dürfen wir im warmen Hotelbett verbringen. Echter Luxus, gefolgt von einer warmen Dusche morgens. Wir sind privilegiert.
Sonntag, 15. Februar
Wir frühstücken in aller Gemütlichkeit, zusammen mit Nadia und Ruslan. Sasha und seine Frau Svitlana kommen dazu. Wir führen intensive Gespräche über die Situation in der Ukraine, aber auch über die aktuelle Politik in Europe, einschließlich der anstehenden Wahlen auf Bundeslandsebene in Deutschland und in Ungarn.
Um 1100 holen uns Yuriy und Alena von SAP mit dem Kleinbus ab, und wir fahren auf die linke Seite des Dnipro. Für den Samstagnachmittag ist ein Museumsbesuch geplant und – wie bei den bisherigen Fahrten – ein gemeinsames Abendessen vor der Rückfahrt mit dem Zug. Daher wollte ich gerne den Sonntagvormittag mit etwas aus meiner Sicht „Sinnvollem“ verbringen, also z.B. irgendwo mithelfen, Schutt wegzuräumen, Suppe zu kochen, Drohnenschutznetze zu knüpfen. Letzten Oktober konnten wir einer Hilfsorganisation im Hub ein bisschen Zeit schenken, indem wir halfen Erste-Hilfe-Päckchen zusammenzustellen. Diesmal erklärt mir Anna, die Direktorin von SAP Ukraine, vor der Abfahrt: „Es ist gut, wenn Ihr auf dem östlichen Dnipro-Ufer die Menschen besucht und Euch anschaut, wie wir uns untereinander helfen. Ihr könnt dann über diese Erfahrungen berichten. Und so fahren wir morgens über den Fluss Richtung Osten.
Wir fahren weiter in den Stadtteil, in dem Alena wohnt. Sie zeigt uns zwei Gebäude, in die russische Drohnen eingeschlagen sind. Sie hat die Angriffe von ihrer Wohnung im 15. Stock aus beobachte. Es gibt keine militärische Infrastruktur weit und breit. Ein Krankenhaus steht in der Nähe, und eine Schule. In dem einen getroffenen Gebäude ist eine Wohnung ausgebrannt und ringsherum sind Fensterscheiben durch die Explosion geborsten und durch Holzplatten ersetzt. Die Familie in der betroffenen Wohnung konnte sich nicht mehr retten, weil sie im fensterlosen Bad Zuflucht gesucht hatten, und dann den Flammen nicht mehr entkamen.
In dem anderen Gebäude sieht man ein riesiges klaffendes Loch, ganze Wohnungsteile fehlen auf anderthalb Stockwerken, allein der tragende Eckpfeiler steht noch und hält die Wohnungen darüber. Er ist angeknickt, aber die Stahlarmierung im Beton hält. Jemand hat – offenbar aus schierem Trotz – eine Piratenflagge angebracht, die im kalten Wind an der Ruine flattert.
Das ist Terror gegen die Zivilbevölkerung, wie er fast jede Nacht stattfindet. Die Luftabwehr ist im Vergleich zum vergangenen Sommer wieder deutlich besser geworden und schafft es inzwischen, wieder bis zu 90% der nächtlichen Flugobjekte abzuwehren. Aber ich feiere jede Meldung, in der berichtet wird, dass es der Ukraine gelungen ist, die eigentliche Ursache der Luftangriffe zu bekämpfen: Zerstörte Drohnenfabriken, Flugplätze mit Bombern und erfolgreiche Angriffe ukrainischer Mittelstreckenwaffen auf russische Raketenabschussorte.
Wir kehren auf die westliche Flussseite zurück und besichtigen das Gelände rund um die dauerhaft auf Halbmast geflaggte größte ukrainische Fahne und die Mutterlandsstatue. Auf dem Schild, den sie hochhält, wurden nach Beginn der Vollinvasion Hammer und Sichel ersetzt durch den Dreizack. Das Gelände selbst ist in den achtziger Jahren des Vergangenen Jahrhunderts angelegt worden. Dominierend sind Wandreliefs entschlossener Kämpferinnen und Kämpfer in brutalistischem sowjetischem Stil. Heute wirkt das etwas aus der Zeit gefallen. Es ist deutlich kälter geworden und ein leichter Schnee fällt. Wir gehen ins Museum.
Im Museum für das Gedenken an den zweiten Weltkrieg, im Sockel der Statue, ist die Sammlung im Erdgeschoss einer Ausstellung über ausländische Freiwillige gewichen, die den ukrainischen Streitkräften beigetreten sind. In einem großen Halbkreis sind jeweils Stationen einzelnen Personen gewidmet. Die auf der Innenseite dargestellten Personen sind bereits gefallen, und ihre Familien haben zugestimmt, dass ihre Uniformen, sowie z.B. persönliche Gegenstände oder Auszeichnungen hier ausgestellt werden. Man erfährt etwas über ihr Leben und ihre Motivation. Besonders beeindruckt mich der erhaltene Handychat zwischen einem Kämpfer und seinem Vater, kurz bevor der junge Mann ums Leben kam, als im Sommer 2024 in Kramatorsk eine russische Rakete eine Pizzeria in Kramatorsk traf.
Anschließend gibt es Kekse und Kaffee im Museumscafe, dann treffen wir weitere SAP Kollegen und besichtigen noch das nationale Geschichtsmuseum im gleichen Gebäude. Die Ausstellung dort beginnt mit einer riesigen Kerze, die aus Wachs aus allen Landesteilen zusammengegossen wurde. Ich schicke Yuliya, unserer eifrigen Heizkerzen-Köchin, ein Bild mit Herz. Ringsherum werden alle regionalen Vyshyvanka-Stickmuster ausgestellt. Ich kann mich nicht sattsehen. Die eigentliche Ausstellung zeigt anhand von Szenen und Wachsfiguren jeweils Personen und Familien aus den wesentlichen Epochen der ukrainischen Geschichte. Angefangen mit Vladimir dem Großen und Yaroslav dem Weisen, über Hetman Mazepa, bis hin zur heutigen Zeit. Unser Museumsguide erklärt uns, dass weitere Museen geplant oder schon im Aufbau sind, um die Darstellung fortzuführen.
Als wir aus dem Gebäude kommen, hat heftiger Schneefall eingesetzt, und die Temperaturen sind wieder unter null. Wir laufen wieder zum Bus und Yuriy fährt uns routiniert durch die verschneiten Straßen. Wir gehen ins traditionelle Restaurant Poltava, wo wir zu Abend essen. Sergey kommt dazu und bringt uns u.a. selbst designte Klettpatches für Pickup4Ukraine – für alle Fahrer und Fahrerinnen. Yuriy fährt uns anschließend zum Bahnhof. Wir haben uns für den frühen Nachtzug um kurz nach 8 Uhr abends entschieden, um am nächsten Tag nicht Gefahr zu laufen, unseren Heimflug ab Krakau zu verpassen.
Nadiia meldet sich: Iryna hat den KIA abgeholt und sich sehr gefreut.
Kaum sind wir in der Gebäudehalle und haben die Gepäck-Durchleuchtung passiert, kommt wieder ein Luftalarm. Der Bahnhof wird geräumt. Wir vermissen Stefan. Er meldet sich, er ist schon am Gleis. Das Gleis wird nicht evakuiert, der Zug ist schon da aber noch zu. Wir anderen laufen vorübergehend in eine nahegelegene Unterführung. Dann wird es Zeit, in den Zug einzusteigen. Wir erfahren, dass man just in dieser Unterführung direkt zu den Gleisen kommt und treffen oben am Zug auf Stefan. Wir können trotz Luftalarms – wie geplant – unser Abteil beziehen. Der Schaffner weist uns beim Einsteigen die Nummern der Liegen zu, auf Ukrainisch. Als er merkt, dass ich auf Deutsch übersetze, sagt er uns einige Nummern auf Deutsch und fragt nochmal nach, wie man 41 auf Deutsch sagt. Ich erkläre es ihm, und er freut sich.
Die Nacht im Zug wird sehr warm, aber ruhig. Der Wagon rattert nicht über die Gleise, sondern schaukelt und schwingt wie ein betrunkener Mississippi-Dampfer. Sehr gewöhnungsbedürftig. Um 0400 Uhr morgens kommt die ukrainische Grenzkontrolle in Mostyska II und sammelt als erstes die Pässe ein. Etwas später kommt der Zollkontrolleur. Er kann kaum Englisch und fragt ein paar Mal nach, ob wir Kriegssouvenirs, Patronen oder Hülsen dabei haben. Wir verneinen. Er schaut mir länger ins Gesicht und sagt auf Ukrainisch, er erinnere sich an mich. Mir wird in Erinnerung an meinen längeren Zollaufenthalt im Oktober etwas warm. Ich stelle mich dumm und behaupte ihn nicht zu verstehen. Es funktioniert. Wir werden nicht gefilzt. Der Schaffner bringt uns Kaffee und Tee in den traditionellen Gläsern mit Metallhülle und Griff.
Der Zug fährt mit einiger Verspätung wieder ab. Wir kommen in Przemysl im Bahnhof auf einem anderen Gleis an als sonst. Sie scheinen den Zugang zum Haus der Grenzkontrolle auch umgebaut zu haben. Jedenfalls leiten sie Inhaber von EU-Pässen durch einen separaten Eingang, fast-track. Wir sind schnell durch und setzen uns bis zur Abfahrt noch in ein Café vor dem Bahnhofsgebäude. Stephan nimmt einen früheren Zug und macht sich direkt mit der Bahn auf die Heimreise nach Deutschland. Wir anderen haben ja den Flug ab Krakau nach Frankfurt gebucht und fahren kurz vor acht Uhr los. In Krakau haben wir noch Zeit für ein bisschen Innenstadtbesichtigung und Wawel, und leckeres polnisches Mittagessen, dann geht’s auch für uns zum Flughafen.
Die Kontrollen dort sind schnell passiert, wir essen noch einen Salat, dann fliegen wir heim. Adrian sammelt uns am Frankfurter Flughafen ein und bringt uns nach Hause. Im Auto merke ich, wie müde ich bin. Ich schlafe ein und wache erst kurz vor Heidelberg wieder auf.
Es war ein erfolgreicher Transport. Wir sind froh, wieder vier Fahrzeuge übergeben zu haben. Ich freue mich, einen Konvoi in eigener Verantwortung nach Kyiv gebracht zu haben und bin erleichtert, dass alles so gut geklappt hat. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung, die wir weiterhin erfahren – sowohl durch großzügige Spenden, als auch von den Menschen, die uns helfen, Autos zu suchen, zu prüfen, zu beschaffen, die bei unseren Fahrten als Fahrer und Fahrerinnen dabei sind, die unser Anliegen weitertragen und unser Netzwerk vergrößern – VIELEN DANK an Euch alle: Ihr seid Pickup4Ukraine.
Nun steht Michael’s Transport unmittelbar bevor. Weitere 8 Fahrzeuge und 16 Fahrer und Fahrerinnen insgesamt. Meine Gedanken sind bei ihnen. Ich wäre gerne dabei, aber ich erinnere mich an Alena’s Einwand: „Man muss auch feiern.“




























































